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INTERVIEW

Interview: Professor Hermann Wotruba zur Zukunft der Rohstoffversorgung

Braunkohlefoerderung © Braunkohle RWE Power Aktiengesellschaft Zoom

Der weitaus überwiegende Teil der in Deutschland genutzten fossilen Energierohstoffe wird aus dem Ausland importiert. So stammen 98 Prozent des Rohöls, 87 Prozent des Erdgases und inzwischen rund 77 Prozent der Steinkohle aus Importen. Fast vollständig ist die deutsche Abhängigkeit bei den Metallrohstoffen. Eine sichere Versorgung ist die Grundlage für die industrielle Produktion. Wie die Rohstoffversorgung in Zukunft aussieht, erklärt Hermann Wotruba, seit 1998 Professor am Lehr- und Forschungsgebiet „Aufbereitung mineralischer Rohstoffe“ (AMR) der RWTH Aachen.

IHK: Wie sieht die deutsche Versorgungssituation mit metallischen Rohstoffen derzeit aus?

Professor Hermann Wotruba, RWTH Aachen © AMR Zoom Wotruba: Momentan gibt es keine besonderen Probleme bei „normalen Metallen“. Allerdings bestehen die bekannten Engpässe bei den „Seltenen Erden“, die sich in Kürze auflösen werden. Die Situation, die wir in den vergangenen Jahren hatten, dass es plötzlich zu wenig Eisenerz oder Kupfer gab, spielt im Augenblick keine Rolle.

IHK: Gibt es weltweit ausreichende Vorräte oder ist – ähnlich wie beim Rohöl – die Endlichkeit absehbar?

Wotruba: Man muss klar sagen: Weltweit gibt es ausreichende Vorräte bei den meisten Metallen und Industriemineralen. Da hängt es eigentlich nur vom Preis ab, wie weit man arme Lagerstätten noch nutzt. Im Moment werden nur die Lagerstätten abgebaut, die bei den aktuellen Preisen wirtschaftlich sind. Wenn diese Lagerstätten erschöpft sind, wird man auch ärmere Abbaugebiete in Angriff nehmen. Ein größeres Problem ist die Tatsache, dass gewisse wichtige Rohstoffe nur in bestimmten Ländern konzentriert sind. Ich nenne nur das Beispiel Wolfram und China. Problematisch ist auch, dass gewisse seltene Metalle oft zugleich nur mit anderen in derselben Lagerstätte vorkommen. Ein typisches Beispiel ist Indium. Das Metall wird heute als transparenter Leiter vor allem  für Flachbildschirme und Touchscreens eingesetzt. Indium gibt es aber nur als Beiprodukt der Zinkförderung. Wird viel Zink gefördert, fällt auch viel Indium an. Eine Lagerstätte würde man nicht allein wegen des Bedarfs an Indium abbauen. Auch so kann es zu vorübergehenden Engpässen kommen.

IHK: Welche Rolle spielen staatlicher Protektionismus und unternehmerischer Monopolismus?

Wotruba: Nehmen wir wieder das Beispiel Wolfram: Die Förderung liegt zu 90 Prozent in China. Da hängt künftig viel von der Haltung der chinesischen Regierung ab. Spielt sie die Karte des Protektionismus oder nicht? Das gilt auch für Platin, dessen größte Lagerstätten in Südafrika liegen. Aber schon längst ist Südafrika kein stabiles Land mehr. Was geschieht also, wenn es dort zu politischen Unruhen kommt? Ein weiteres Problem ist die Tatsache, dass die internationalen Förderunternehmen immer einflussreicher geworden sind und die großen Lagerstätten geschluckt haben. Das sehen wir vor allem im Bereich Eisenerz und Kupfer. Auch bei Nickel kontrollieren nur wenige Firmen die Weltproduktion und die Preise. Nehmen wir das Beispiel Eisenerz, bei dem Marktkenner Preisabsprachen vermuten: Während es vor sechs Jahren noch 30 Dollar pro Tonne kostete, liegt der Preis jetzt bei rund 200 Dollar. Deutsche Stahlunternehmen haben leider den Fehler gemacht, dass sie eigene Förderstätten verkauft hatten, kurz bevor der Preis anzog. Der internationale Stahlkonzern ArcelorMittal fährt eine andere Strategie: Er kauft weltweit Bergbaugesellschaften. Die chinesische Regierung verhält sich übrigens ähnlich.

IHK: Kann dadurch die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland gefährdet werden?

Wotruba: In einigen Bereichen schon. Deutsche Hüttenwerke sind natürlich auf günstige Eisenerz-Preise angewiesen. Die jetzige Mehrbelastung können sie nicht in vollem Umfang an die Kunden weitergeben.

IHK: Wie steht es im Rohstoffbereich um die Verfügbarkeit der genannten „Seltenen Erden“, die gerade für die Hightech-Branchen in Deutschland wichtig sind?

Wotruba: Insgesamt gibt es genug „Seltene Erden“ auf der Welt. Im Durchschnitt sind sie sogar häufiger als etwa Blei. Leider treten sie oft zusammen mit radioaktiven Elementen auf. Wer sie abbaut, behält also fast immer Uran und Thorium als Rest übrig. Das führt dazu, dass der Abbau etwa in den USA unter Umweltaspekten ständig in der Kritik stand und es schließlich zu einem Förderstopp kam. Um solche Umweltfragen haben sich die Chinesen hingegen wenig gekümmert und kräftig weiter gefördert. Entsprechend hoch war dort die Nachfrage aus den westlichen Industriestaaten. Die Chinesen besitzen außerdem ein von der Konzentration her sehr reiches Material mit zehn Prozent Inhalt. In Deutschland haben entsprechende Lagerstätten gerade einmal 0,5 Prozent. Die Lagerstätten in Australien sind mit den chinesischen übrigens durchaus vergleichbar. Jetzt läuft die Förderung dort, aber auch in den USA wieder an, so dass es kurzfristig zu einer Marktberuhigung kommen wird.

IHK: Welche Strategien zur Aufrechterhaltung einer sicheren Versorgung mit wichtigen Rohstoffen gibt es in Deutschland, und welche Aufgaben kommen dabei der Politik, welche der Wirtschaft zu?

Wotruba: Die Politik sagt ganz klar: Die Versorgung ist Aufgabe der Wirtschaft, während die Politik höchstens mit flankierenden Maßnahmen unterstützend eingreifen kann. Dabei werden die spezifischen Anforderungen der Rohstoff-Förderung übersehen. Denn der erste Schritt dabei ist eine extrem kostenintensive und risikoreiche Exploration. Bohren kostet nun einmal unheimlich viel Geld. In den USA und Kanada gibt es für solche Zwecke genügend Risikokapital, in Deutschland nicht. Die Regierung denkt jetzt zwar darüber nach, einen Rohstoff-Fonds aufzulegen. Aber die Ausstattung dieses Fonds, soweit dazu Einzelheiten bekannt wurden, ist völlig unzureichend. Ein Problem des Bergbaus ist seine Kostenintensität. Da geht es um gewaltige Summen, die erst einmal vorab geleistet werden. Eine geplante Kupfer-Mine in der Lausitz, um ein deutsches Beispiel zu nennen, wird vor Förderbeginn erst einmal zwei Milliarden Euro verschlingen. Ein Schacht kostet allein 350 Millionen Euro. Wie weltfremd ist unsere Regierung eigentlich? 500 Millionen Euro Investitionssumme sind im Bergbau wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Eine jetzt in der Mongolei eröffnete Kupfer-Mine erforderte erst einmal ein Investment von sieben Milliarden Euro.

IHK: Neben der Förderung der Rohstoffe gewinnt auch das Recycling zunehmend an Bedeutung. Gibt es hier bei uns noch Nachholbedarf?

Wotruba: Da sind wir sehr schwach aufgestellt, wenn man einmal von Glas, Papier, Eisen und Buntmetallen wie Blei oder Kupfer absieht. Je wertvoller und seltener die Metalle sind, desto geringer ist die Recycling-Quote. Beispiel Handy: Ein Mobil-Telefon besitzt rund 40 wertvolle Elemente, aber nur zehn Prozent der Geräte werden tatsächlich recycelt – der Rest liegt in der Schublade oder landet im Hausmüll. Verfahrenstechnisch ist die Aufbereitung kein Problem, aber die Erfassung klappt einfach nicht. Da gibt es noch ein riesiges Potenzial.

IHK: Angesichts steigender Rohstoffpreise: Welche Perspektive hat eine Rückbesinnung auf die Förderung metallischer Rohstoffe in Deutschland? Noch Anfang der 60er Jahre stammte ein Drittel des verarbeiteten Eisenerzes in der Stahlproduktion aus heimischer Förderung.

Wotruba: Deutschland ist zwar ein altes Bergbauland, aber außer Kohle, Braunkohle und Salz gibt es heute keine nennenswerten Reserven mehr. Gut ausgestattet sind wir mit Industrie-Mineralen wie etwa Feldspat, Ton oder Kaolin. Schlecht sieht es aus bei Metallen, wo der Gehalt und die meist geringe Größe der Lagerstätten keine konkurrenzfähige Förderung zulässt. Insgesamt bietet eine heimische Rohstoff-Förderung keine Alternative.

Das Interview führte Ulrich Kölsch, Erstveröffentlichung Wirtschaftliche Nachrichten 2/2012

DOKUMENT-NR. 83591

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